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Heute war mir schmerzlich klar, dass ich damals nur sehr wenig wusste - sowohl über das Leben als auch über das Sterben. (Seite 32)

Cover: Der Fluss, der mich trägtZum Inhalt

Samantha ist 17 Jahre alt, als sie ihr Elternhaus verläßt und ihrer großen Liebe folgt. Doch sieben Jahre später kehrt sie ernüchtert zurück: allein, mit einem Sohn und schwer krank. Zu ihrer großen Überraschung empfängt sie ihr Vater mit offenen Armen. Nach und nach erkennt sie, daß sie sich in dem Mann, den sie immer nur den Richter genannt hat, nicht nur in dieser Hinsicht getäuscht hat. Beim Fliegenfischen am Fluß ihrer Kindheit beginnt Samantha, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen und Vergebung zu finden. Doch ihre Krankheit schreitet erbarmungslos weiter fort.

 

 

Vorbemerkung

Die gespoilerte Textstellen (durch "[ ]" markiert) verraten wesentliche Inhalte des Buches. Um diese Stellen lesen zu können, bitte einfach mit gedrückter linker Maustaste darüber fahren (die Stellen quasi markieren). Der Text wird dann lesbar.

Da sich die Handlung langsam entfaltet und teilweise sehr aufeinander aufbaut, spoilere ich (fast) alles, was auf bestimmte Ereignisse schließen läßt. Außer, wo angegeben, kann man die Spoiler lesen, ohne daß das Ende des Buches vorweggenommen wird. Nur der Spannungsbogen ist halt nicht mehr in dem Maße gegeben, wenn man Dinge, die im Laufe des Buches kommen, schon vorher weiß.

 

Kommentar / Meine Meinung

Das Leben und das Sterben. Die Autorin kannte sich wohl mit beidem aus, sonst hätte sie nicht so ein Buch schreiben können. Und vermutlich hat die Schlußkorrektur gleich nach der vorherigen begonnen, denn sonst hätte es nicht gleich zu Beginn zwei Satzfehler. Auf Seite 7 steht „Urgroßvater“, eine Seite weiter wird die gleiche Person als „Großvater“ bezeichnet; ferner gibt es auf Seite 13 noch einen Buchstabendreher („freuet“ müßte eigentlich „freute“ heißen). Dann hatte der Text wohl auch im Lektorat so gefangen, daß ich keine weiteren Fehler mehr bemerkte. Bis kurz vor Schluß ein fehlendes Leerzeichen, doch da hatte ich selbst einen so tränenverschwommenen Blick, daß ich auch keine Korrektur mehr hätte lesen können. Damit ist der pflichtschuldige Anteil an Kritik geäußert, denn mehr zu kritisieren habe ich nicht. [ (Außer vielleicht, daß nirgendwo aufgeklärt wird, wer denn „Rachel“ eigentlich ist.) ]

„Das Leben, die Wahrheit und die Liebe“ - auch darauf ließe sich das Buch reduzieren. Dennoch gibt es auch ganz praktische Lebensweisheiten, wie etwa die über Juristen: Wie Anwälte eben sind - sie nehmen einen einfachen Sachverhalt, machen ihn so kompliziert wie möglich, bringen ihn zu Papier und lassen den Rest der Welt dann über dessen Bedeutung streiten. (Seite 91) Nachdem ich gestern wieder mal stundenlang wegen juristischer Spitzfindigkeiten und einem Urteil des europäischen Gerichtshofs im Internet recherchiert habe, was das nun für mich bedeutet, gebe ich dazu besser keinen weiteren Kommentar ab.

“Ich bin einfach zu müde, zu müde um zu leben.“ (Seite 205) Was alles muß passieren, damit eine 25-jährige Frau und Mutter eines fünfjährigen Sohnes sich zu dieser Aussage hinreißen läßt? Langsam, aus vielen kleinen Mosaiksteinen, entsteht im Laufe des Buches, das uns die die Protagonistin Samantha in Ich-Form erzählt, ein Bild, dessen Lücken immer kleiner, dessen Gesamteindruck immer vollständiger wird.

Es entsteht das Bild einer Person, die mit sich selbst nicht im Reinen ist. [ Von ihrer Mutter nicht gewollt und gleich nach der Geburt adoptiert, ist sie der Meinung, daß ihre Adoptiveltern sie weniger lieben als deren leibliche, vier Monate jüngere, Tochter. ] Mit 17 geht sie im Streit von zuhause fort, zusammen mit Tim, ihrer Jugendliebe. Denn den Ansprüchen des „Richters“, wie sie ihren Vater nennt, glaubt sie, niemals gerecht werden zu können. [ Vor allem, da sie seinerzeit schwanger war und abgetrieben hat. Eine psychische Wunde, die nie verheilt ist und ihr schwer zu schaffen macht. ] Sieben Jahre später kehrt sie zurück. Desillusioniert, mittellos, mit ihrem fünfjährigen Sohn Dave, todkrank.

Als schließlich (auf Seite 127f) klar wird, an welcher Krankheit Samantha leidet, was sie retten könnte, und was nicht, mußte ich erst einmal pausieren. Karen Harter hat die Geschichte so intensiv erzählt, daß es ist, als ob mir der Arzt mein eigenes Todesurteil gesagt hätte. Unwillkürlich dachte ich daran, meine Angelegenheiten zu regeln. Für den Fall der Fälle.

Sam lebt wieder bei ihren Eltern, weil sie keine andere Wahl hat und ihren Sohn versorgt wissen will. Im Laufe der Wochen und Monate kommt sie zur Ruhe, spricht sich mit vielen aus. Offene Dinge werden geregelt, [ bis hin zur Scheidung von Tim. ]

Schließlich bleibt nur noch die Frage, ob sie die Einschulung ihres Sohnes im nächsten Jahr erleben wird oder nicht. Das Buch ist alles andere als ein Weihnachtsbuch, dennoch kulminiert die Handlung schließlich in den dramatischen Geschehnissen des Weihnachtstages, obwohl (ACHTUNG: massiver Hinweis auf das Ende!) [ Karfreitag wohl eine bessere Analogie gewesen wäre. ] Über einige Seiten hinweg gab es Andeutungen, wie die Geschichte ausgehen würde, so daß ich etwas vorbereitet war auf das, was kam. Was nicht heißt, daß es leichter erträglich gewesen wäre.

„Das Leben, die Wahrheit und die Liebe“ - eine ungemeine Spannweite von Themen wird in dem Buch behandelt. Dabei wirkt es auf mich weder aufgesetzt, wenn der Richter von Gott spricht (er ist nun mal ein religiöser Mensch) noch übertrieben schicksalhaft, wenn es um Samanthas Leben geht. Es scheint mir nur zu realistisch, zu sehr im Bereich des Möglichen zu sein.

Am Ende, am Ende steht (fast) alles wieder auf Anfang - das Leben, die Wahrheit und die Liebe. Nur die Anfrage an die Leser bleibt, wie sie denn mit diesen Problemen, diesen Themen umgehen würden. Fragen, in denen kein Kompromiß möglich ist.

„Es gibt Richtig und Falsch, Sam, Wahrheit und Lüge, Gut und Böse. Dazwischen ist keine Grauzone, kein Niemandsland.“ (Seite 287)

 

Kurzfassung

„Der wunderbare Erzählstil, die ergreifende Handlung und die lebendigen Bilder zeichnen diesen Roman aus. Eine echte Überraschung.“ (Faithful Reader) Ein beeindruckendes, teilweise erschütterndes, aber dennoch hoffnunggebendes Buch..

 

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Bibliographische Angaben meiner Ausgabe

320 Seiten, gebunden. Originaltitel: Where Mercy Flows. Aus dem Amerikanischen von Beate Zobel.
Verlag: Gerth Medien GmbH, Asslar 2009

 

Ursprünglich geschrieben am 22. September 2009