Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

 

Cover: Der Schatten des GaliläersZum Inhalt


Die Rahmenhandlung ist fiktiv: ein junger Jude, Andreas mit Namen, wird von Pilatus dazu erpreßt, Material über neue religiöse Bewegungen in Palästina zu sammeln. Dabei stößt er auf Jesus und reist ihm hinterher. Aus Erzählungen über Jesus rekonstruiert er dessen Leben. Dabei begegnet er ihm nie selbst, sondern verpaßt ihn immer wieder und ist gezwungen, Informationen von Menschen zu sammeln, die ihm begegnet sind.
Verkündigung und Geschick Jesu werden aus der Perspektive eines jüdischen Zeitgenossen dargestellt und im Rahmen der religiösen und sozialen Welt des Judentums verständlich gemacht.
Im Anhang werden wichtige Quellen zu Jesus und seiner Zeit kurz vorgestellt; auch findet sich dort eine Karte.

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Ich habe lange überlegt, in welche Rubrik dieses Buch gehört: Religion, Historische Romane oder Biographien? Es würde in jede dieser Schubladen passen, was schon einen Hinweis auf das Buch bzw. dessen „eigentlichen Hauptprotagonisten Jesus“ (der selbst überhaupt nicht auftritt) gibt: er paßt damals wie heute in keine Schublade.

Der Autor selbst gibt auf Seite 121 eine gute Beschreibung seiner Vorgehensweise:
Er (Andreas) ist ein „Forscher“ auf den Spuren Jesu - durchaus einem historisch-kritischen Forscher vergleichbar. Andreas muß aufgrund verschiedener Überlieferungen ein Bild von Jesus rekonstruieren. Er muß Aussagen kombinieren und kritisch bewerten. Geschichtsschreibung beginnt ja damit, daß man nicht mehr schlicht behauptet: „So und so war es“, sondern: „Aufgrund dieser und jener Quellen möchte ich - vorbehaltlich besserer Einsicht - folgendes Bild der Ereignisse entwerfen.“
Und genau so geht Theißen vor: Andreas findet Quellen und muß aus diesen seinen Bericht an Pilatus zusammenstellen. Zu allen Fakten, teilweise sogar wörtlichen Reden, gibt Theißen die genauen Quellen an. Sind diese aus einer anderen Zeit (ein paar Jahrzehnte vor- oder nachher), erwähnt er auch das und begründet, weshalb er das trotzdem verwendet. Mir ist noch nie ein Buch begegnet, in dem so viel durch Quellen belegt wird, wie in diesem. Es kommt damit unseren Möglichkeiten, etwas über Jesus zu erfahren, sehr nahe.

Zunächst fand ich es etwas seltsam, ein Jesusbuch zu lesen, was sich über viele Seiten hinweg überhaupt nicht mit Jesus beschäftigt, sondern dessen Zeit und deren Probleme vorstellt. Theißen entwirft ein Bild der, wie wir heute sagen würden, politischen und religiösen Großwetterlage im damaligen Palästina; denn Jesus kam aus dem Judentum und war tief darin verwurzelt, was wir heute oft vergessen. So sind, bis der Name „Jesus“ das erste Mal auftaucht, viele Seiten gelesen und ein recht gutes Bild von den Verhältnissen des Großen wie des Kleinen Mannes entworfen. Und aus diesen Verhältnissen wird dann auch das Auftreten Jesu (sowie anderer Bewegungen damals) erklärt, denn eines der Anliegen Theißens ist es, Jesus aus seiner Zeit und Herkunft her verständlich zu machen.

Dabei habe ich mich immer mehr gefragt, von welcher Zeit eigentlich gesprochen wird. Wenn die „Terroristen“ (aus Sicht der Römer die Zeloten) wie die Herrschenden die gleichen Argumente gebrauchen, um Menschen dazu zu bringen, in deren Sinne zu handeln; wenn „alle Rechtfertigungen (für ihr Handeln) haben und sich in der grausamen Logik der Welt verfangen“ (nach Seite 249), wenn Jesus, der für die kleinen Leute eintritt, schließlich ein Opfer der „Sachzwänge“ und zwischen allen Fronten zerrieben wird; wenn mehr und mehr deutlich wird, daß Jesus, käme er heute, genauso abgelehnt würde wie damals und (Spekulation von mir) zwar nicht gekreuzigt, aber wohl in einer geschlossenen Anstalt weggesperrt würde, damit das "System erhalten" und das "Volk geschützt" wird, von den wirtschaftlichen Interessen ganz zu schweigen.

Nein, dieses Buch ist alles andere als bequem. Es entwirft auf Grund der heute verfügbaren Quellen ein Bild, wie es gewesen sein könnte und vergißt dabei nicht, darauf hinzuweisen, daß die Verhältnisse sich eigentlich gar nicht groß verändert haben (von der technischen Entwicklung mal abgesehen). Die Botschaft Jesu hat heute noch genau so viel Sprengkraft wie damals. Wurde seine Botschaft gründlich mißverstanden, ist der Mensch noch immer für den Sabbat da - anstatt umgekehrt?

 

Mein Fazit

Ein Jesusbuch der anderen Art. Es nähert sich ihm mit "journalistischen" Methoden und entwirft so ein sehr lebensahes Bild, wie es gewesen sein könnte. Dabei wird deutlich, daß Jesu Botschaft heute so aktuell ist wie damals.

 

Interessiert, wollen Sie das Buch selbst lesen? Sie können es > hier im Gregor-Versand-Shop direkt bestellen <.

 

Bibliographische Angaben

272 Seiten, kartoniert, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2004