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Manchmal gehört zum Leben allein schon Mut. (Seite 134, zitiert nach Seneca)

 

Cover: Im Tal der BärenZum Inhalt

Als Ursula Powell auf die abgeschiedene Farm ihrer Eltern am Bear Creek in die Berge von Georgia zurückkehrt, stellt sie fest, daß dort immer noch die Bärenskulptur steht, die im Leben von Ursula, ihrem Bruder Arthur und dem Rest der Familie eine so wichtige Rolle gespielt hat, seit sie vor vielen Jarhen von aus New York gekommen wa. Ursulas autistischer Bruder glaubt, daß in diesem Bären die Seele ihrer verstorbenen Mutter lebt und ist völlig schockiert, als Quentin Riconni, der Sohn des New Yorker Künstlers, in die Stadt kommt, um die Skulptur seines inzwischen berühmt gewordenen Vaters zurückzuholen. Doch offensichtlich hat das Schicksal anderes mit den beiden vor, denn Quentin verliebt sich in Ursula.

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Gibt es so etwas wie Zufall? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Aber es muß ihn wohl geben, wie sonst hätte ich dieses Buch in die Finger bekommen? Alles begann damit, daß ich in der hiesigen Stadtbücherei nach einem bestimmten Buch gesucht habe. Und siehe da, einer der seltenen Fälle: es gibt ein Buch, das ich suche, dort wirklich. Ich gehe also zielstrebig ans Regal - und sehe das Buch neben dem gewünschten Buch. Eben genau dieses hier. Titel, Cover und U4-Text sprachen mich an, also nahm ich es auch mit. Und habe es nun in einem Rutsch vor dem eigentlichen Zielbuch meines Büchereibesuches gelesen. Zufall? Vorsehung? Keine Ahnung. Auf jeden Fall habe ich es mir inzwischen bestellt; dieses Buch muß ich einfach besitzen. Womit schon mal klar ist, wie es mir gefallen hat: ausgezeichnet.

Dabei sah es danach während der ersten rund hundert Seiten nicht unbedingt aus. Nach dem Prolog und einer weiteren Anspielung auf jenes schlimme Ereignis im Buch, habe ich erst mal etwas ausführlicher das Ende gelesen, ob ich überhaupt wissen will, wie es weitergeht. Aber dann, als mit dem zweiten Teil ein Zeitsprung von zweiundzwanzig Jahren in die „Jetztzeit“ erfolgte, entwickelte das Buch einen Sog, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. Ich wollte gleichzeitig weiterlesen, und doch wieder nicht, weil mit dem Ende des Buches unweigerlich der Abschied von den inzwischen lieb gewonnenen Protagonisten kommen würde. So ist etwas von der inneren Zerrissenheit Quentins und Ursulas wohl auch auf mich als Leser übergegangen - durchaus passend.

Es passiert viel - und gleichzeitig wenig. Über eine ganze zeitlang laufen die Handlungsstränge von Quentin und Ursula getrennt. Ursula erzählt in der Ich-Form, wenn es um Quentin geht, „spricht“ die Erzählerin. Da ist bisweilen etwas Konzentration beim Lesen erforderlich, die aber mE im weiteren Verlauf belohnt wird. Ich empfand die Erzählweise angenehm „schreitend“, nicht „hetzend“ oder „eilend“, damit den Protagonisten wie der Thematik, wie auch der Landschaft angemessen und überaus passend. Es lief bei mir ein Kopfkino in einer Deutlichkeit ab, wie schon lange nicht mehr.

Inwieweit der Prolog und eine Bemerkung im ersten Teil des Buches sinnvoll sind, sei dahingestellt. Ich sehe wohl den dramaturgischen Zweck dahinter, bin mir aber nicht sicher, ob das hier passend ist, notwendig mE auf jeden Fall nicht. Mich hätte das, wie erwähnt, fast zum Abbruch gebracht, was jedoch äußerst schade gewesen wäre. Denn so verschieden die Herkunft Quentins und Ursulas ist, so sehr ähneln sich die Verletzungen und Traumata, mit denen sie belastet sind. Sehr gut und glaubhaft fand ich die langsame Annäherung der beiden beschrieben, das Sich nähern und wieder abstoßen, weil beide fühlen, daß - lassen sie sich auf eine Beziehung ein - ihr ganzes bisheriges Weltbild ins Wanken gerät und Einstürzen muß.

Der Trick ist, dass wir uns als Heranwachsende schwören, niemals dieselben Fehler wie unsere Eltern zu begehen, aber dann merken wir, dass wir eine ganze Menge eigener Fehler machen. Niemand hat uns davor gewarnt. (Seite 380) Auf diese Problematik ließe sich das Buch im Wesentlichen reduzieren, und es ist im Wesentlichen genau das, womit sich die beiden Protagonisten auseinandersetzen müssen. Dies ist jedoch eine Erfahrung, die vermutlich die meisten Menschen in ihrem Leben machen; die Frage ist, wie man damit umgeht, dieses Problem löst. Und vielleicht ist es genau diese Grundproblematik, die mir die Figuren dieses Buches so nahegebracht hat, weswegen mir das Buch so ungemein gut gefallen hat.

Das war für mich das erste, mit Sicherheit jedoch nicht das letzte Buch der Autorin. Wobei dieses hier förmlich nach mehrmaliger Lektüre verlangt. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob es so etwas wie Zufall gibt. Ob nun oder ob nicht - ich bin froh, daß der Zufall, die Vorsehung oder was auch immer dieses Buch in meine Hände geführt und mir ein besonderes, bisweilen nachdenkliches Leseerlebnis beschert hat.

 

Mein Fazit

Auf der U4 wird Kristin Hannah mit den Worten zitiert: „Im Tal der Bären ist einer jener seltenen Romane, die noch lange in unserem Herzen bleiben, obwohl die letze Seite schon lange gelesen ist." Besser könnte ich es auch nicht ausdrücken.

 

Bibliographische Angaben

416 Seiten, gebunden, Ullstein Verlag 2001