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„Mir fällt ein, wie traurig ich wurde, als der liebe Dmitri Gudowitsch plötzlich am Tisch aufsprang und den Zigeunerrefrain sang: „Wir werden trinken, wir werden zechen, und wenn der Tod kommt, werden wir sterben.“
Innerhalb von zehn Jahren sollten fast alle von ihnen tot sein
. (Seite 324)

 

Cover: Der letzte TanzZum Inhalt

Die Familien der russischen Aristokratie waren zur Zeit der Zaren mächtig und vor allem reich. Aber sowohl ihre Macht als auch der glänzende Lebensstil fanden durch die Oktoberrevolution 1917 ein jähes und gewaltsames Ende.
Erstmals werden die Geschehnisse aus der Sicht der Verlierer, aus Sicht der untergegangenen und ausgerotteten Schicht der Fürsten und Grafen erzählt. Indem der Historiker Douglas Smith den Geschicken der beiden Familien Scheremetjew und Golizyn folgt und von den Schicksalen der Familienangehörigen berichtet, erhält das Grauen Gesichter. Vertreibung, Verbannung, Ermordung. Stündlich mußten die Menschen mit dem Schlimmsten rechnen. Und dennoch gab es immer wieder Zeichen der Hoffnung, wenn man sich in einer Welt, in der kein Stein mehr auf dem anderen war, in der nichts mehr war, wie es einmal gewesen ist, zurecht finden und neu einrichten mußte - und immer noch muß.

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Ehemalige Leute.

Wer oder was sind „ehemalige Leute“?

Wenn „Leute“ hier mit „Menschen“ gleich zu setzen ist, was bedeutet es dann, wenn sie „ehemalig“ sind? Sind sie keine Menschen mehr? Aber wenn sie keine Menschen mehr sind, was sind sie aber dann? Oder sind sie gestorben und deswegen „ehemalig“?

Was also sind „ehemalige Leute“?

Als „ehemalige Leute“ wurden von den Bolschewiki, die sich späterhin Kommunisten nannten, die Angehörigen des russischen Adels bezeichnet. Damit waren selbige ausgegrenzt, rechtlos - Freiwild. Jahrzehntelang wurde die Geschichte einer ausgelöschten Gesellschaftsschicht verschwiegen, denn die Kommunisten wollten sie liquidieren, vernichten, so daß es während der Zeit ihrer Herrschaft gefährlich bis unmöglich war, mit ihnen und über sie zu reden bzw. schreiben. Dieses Buch ist anscheinend die erste Arbeit weltweit, die sich mit dieser Thematik befaßt. Es ist ein überaus harter Stoff, den der Autor minutiös aufbereitet vor dem Leser ausbreitet.

Das Buch enthält mehr Schmerz und Leid, als ein Mensch in einem Leben aushalten und ertragen kann. Wenn man sich also daran macht, es zu lesen, sollte man sich innerlich wappnen. Denn obwohl ähnlich einem historischen Roman geschrieben (und flüssiger zu lesen als mancher Roman), ist es eben gerade kein solcher, sind es keine fiktiven Geschehnisse, von denen der Autor berichtet. Sondern er erzählt von Menschen, die tatsächlich gelebt, die all das, was sich im Buch findet, erlebt und durchlitten haben.

Smith hat einen anschaulichen Erzählstil, der sachlich bleibt, aber nie trocken ist. Gefesselt folgt man seinen nüchternen Worten, die ein Grauen beschreiben, wie ich es mir in kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. 1918 gab es in Krasnodar einen Erlaß, daß die Frauen zwischen 16 und 25 Jahren zu „vergesellschaften“ seien, lies man hat sie - meist Angehörige der Oberschicht - auf der Straße aufgegriffen, verschleppt und vergewaltigt. Oder das Mädchen einer fünften Gymnasialklasse, das über zwölf Stunden lang mißbraucht wurde, bevor man es an einen Baum band, die Kleider in Brand steckte und dann erschoß. Smith erzählt von einer Zeit, in der es einem Todesurteil gleich kam, wenn man ... Foxtrott tanzte.

Puschkin schrieb in der „Hauptmannstochter“: Bewahre uns Gott vor einem russischen Aufstand, sinnlos und erbarmungslos. Wie recht er vor allem mit dem „erbarmungslos“ hatte, macht dieses Buch schonungslos deutlich. Smith erzählt nicht abstrakt von „dem Volk“ oder „den Leuten“, sondern ganz konkret am Beispiel zweier in der Zarenzeit reicher und mächtiger Familien: den Grafen Scheremetjew und den Fürsten Golizyn.

Es ist mehr als erstaunlich, mit welcher Gelassenheit und Gottergebenheit die Familien über Jahrzehnte hinweg Leid und Schmerz ertragen haben. Von heute auf morgen wurde ihnen praktisch alles genommen, ihre Leben und seine bisherigen Grundlagen völlig zerstört, sie zu Ausgestoßenen und Entrechteten, die man beleidigte, auf die Straße setzte, buchstäblich mit Füßen trat. „Während ich dies schreibe, ist es Mitternacht. Zu spät für eine Durchsuchung oder Verhaftung,“ heißt es in einem Tagebucheintrag (sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert). Man kann sich kaum vorstellen, was es heißt, täglich, stündlich damit rechnen zu müssen, aus fadenscheinigen Gründen verhaftet, deportiert oder gleich erschossen zu werden.

Überhaupt taucht dieses „wurde erschossen“ so oft im Buch auf, daß ich mich irgendwann gefragt habe, ob denn überhaupt noch jemand am Leben ist, den man erschießen kann. Alleine während der Zeit des großen Terrors (Stalin, August 1937 bis November 1938) lag die Tötungsrate bei täglich rund 1.500 Ermordeten (vgl. S. 416). Und bis der Große Terror begann, waren schon seit rund zwanzig Jahre Mord und Totschlag und immer wieder Erschießungen an der Tagesordnung, mit wenigen ruhigen Jahren dazwischen. „Nie hat eine moderne Gesellschaft Menschen so bereitwillig getötet,“ bemerkte der Historiker W. Bruce Lincoln über den Roten Terror. (S. 189, zitiert nach „The Red Victory“. A History of The Russian Civil War, 1918 - 1921. New York 1989).

Wenn ich über so manche Hinrichtung lese (etwa über das „Abschlachten“ der Zarenfamilie durch die Bolschewiki), gewinnt auch eine Stelle aus dem „Stillen Don“ eine ganz andere Bedeutung. Ich hielt es dort für fiktiv, daß die Mörder nicht wußten, wie man einen Menschen „richtig“ umbringt. So muß dort in einer Szene das Opfer seinem Henker erst erklären, wie man einen Menschen so hängt, daß er auch stirbt. Aber so war es wohl. Wenn, wie man im „Letzten Tanz“ lesen kann, des Abends eine größere Anzahl von „Konterrevolutionären“ mit Gewehren und Bajonetten umgebracht wurde, konnte es passieren, daß - wenn am nächsten Tag das Massengrab zugeschaufelt werden sollte - etliche noch am Leben waren.

Immer wieder mußte ich an Pasternaks „Doktor Schiwago“ denken, wenn sich Parallelen zum dort Gelesenen zeigten, wenngleich die hier geschilderte Realität drastisch härter war als die Erzählung des Romans. Pasternak hat die wesentlichen Geschehnisse gut in seinem Buch verarbeitet; kein Wunder, daß die Kommunisten Schwierigkeiten damit hatten.

Irgendwann habe ich dann den Überblick verloren. Über die Anzahl der Getöteten, über die weit verzweigten Familien, deren Schicksalen in dem Buch nachgegangen wird. Immer wieder zog ich die beiden Stammbäume, die - neben Landkarten - dankenswerter Weise vorne im Buch enthalten sind, zu rate. Im Buch ist solch eine Fülle von Informationen versammelt, daß man es vermutlich mehrfach lesen müßte, um alle zu erfassen. Wenn man denn in der Lage ist, sich mehrfach mit diesem harten Stoff zu befassen.

„Der letzte Tanz“ hat mich aufgewühlt, erschüttert, verstört. Die Gewalt und Unterdrückung waren von einer Beliebigkeit, die vom widersprüchlichen Charakter des russischen Lebens im 20. Jahrhundert zeugt - wenn nicht gar vom widersprüchlichen Charakter des Lebens selbst, wie sehr dies unseren üblichen Vorstellungen auch widerstrebt. (Seite 448) „Der widersprüchliche Charakter des Lebens selbst“ - eine gute Umschreibung dessen, was man - neben den historischen Fakten - auch aus diesem Buch lernen kann.

 

Kurzfassung

„Letztlich ist Der letzte Tanz ein Zeugnis für die bemerkenswerte Fähigkeit der Menschen, sogar unter den erschütterndsten Umständen Momente des Glücks zu finden.“ (S. 35) Beeindruckend - erschütternd - absolut lesenswert.

„Der letzte Tag des Jahres 1917! Wohl kaum wird in der Geschichte auch nur eines Landes ein Jahr zu finden sein, das mit diesem zu vergleichen wäre ... Gab es das jemals, daß ein Volk selbst, mit eigenen Händen, seine Heimat zerstört und ins Verderben geführt hat?“
(S. 168, Prinzessin Katherina zu Sayn-Wittgenstein in Mogiljow, 31. Dezember 1917 in ihrem Tagebuch)

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Über den Autor

Douglas Smith wurde 1962 geboren und arbeitete für das U.S. State Department in der Sowjetunion und als Russisch-Dolmetscher für Ronald Reagan. Er war Russland-Spezialist für Radio Free Europe/Radio Liberty in München. Er hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, unter anderem das renommierte Fulbright-Stipendium für Wissenschaftler. Er lebt in Seattle/USA.

Bibliographische Angaben

528 Seiten, 3 Landkarten, 2 Stammbäume, etliche Fotos, gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Former People: The Final Days of the Russian Aristocracy. Aus dem Amerikanischen von Bernd Rullkötter
Verlag: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt/M. 2014