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Nur starke Menschen bekommen schwere Wege. (Seite 175)

 

Cover: Weisse Nächte, weites LandZum Inhalt

In den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts herrschen für die einfachen Menschen um Büdingen bedrückende Verhältnisse. Da kommt der Werber um Kolonisten der Zarin gerade recht. Wie zahllose andere machen sich etliche aus dem Dorf Waidbach, darunter die drei Weber Schwestern, auf den weiten Weg an die Wolga. Dort angekommen, müssen sie feststellen, daß sie nicht im Paradies, sondern mitten in der Wildnis gelandet sind. In mühsamer Arbeit gilt es, das Überleben zu sichern.  

 

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Herbstzeit ist für mich (lesemäßig) Rußlandzeit. Da ich von den Wolgadeutschen wenig mehr als diese Bezeichnung kenne, schien mir dieses Buch die Gelegenheit zu sein, zum einen die Wissenslücke zu schließen, zum anderen die „Rußlandreise“ anzutreten. Beides ist mir diesem Buch weitgehend gelungen.

„Weitgehend“ darum weil das, was ich als „Rußlandstimmung“ bezeichnen würde, nicht so ganz aufkommen wollte. Da im Buch allerdings nur sehr wenige Russen vorkommen und die Aussiedler sich auch an der Wolga recht deutsch verhalten, ist das eigentlich kein Wunder und gibt so recht einen der Konflikte wider, die offen oder unterschwellig eine Rolle spielen.

Etwa Mitte des 18. Jahrhunderts ließ die Zarin Katharina die Große in großem Umfang Einwanderer aus Deutschland ins Land kommen, um bisher brach liegende Gebiete an der Wolga zu besiedeln und in fruchtbares Ackerland zu verwandeln. Die Verhältnisse im damaligen Deutschland waren für viele dermaßen bedrückend, daß es nach ihrer Meinung schlimmer eigentlich nicht mehr kommen konnte. So machten sich Abertausende auf den Weg ins ferne Rußland, das ihnen wie das gelobte Land vorkam.

Der erste Teil des Buches spielt im Hessischen nahe Büdingen und stellt die Hauptakteure und deren Herkunft vor; er erschien mir zunächst zwar etwas ausführlich, da ich vom Buchrückentext her anders eingestimmt war, jedoch trägt die lange Exposition sehr zum Verständnis der Situation und warum seinerzeit so viele ausgewandert sind bei. Die Autorin entwirft ein sehr anschauliches Szenario der Zustände in der hessischen Heimat. Daß die Menschen den Worten der Werber der Zarin mehr als gerne Glauben schenkten und ein Paradies erwarteten, ist nachvollziehbar.

Daß aber nicht alles Gold ist, was glänzt, wird bald klar, wenn man an die entbehrungsreiche Reise an die Wolga und die anscheinend „eingeplanten Verluste“ denkt. Dort angekommen, finden die Kolonisten alles andere als ein Paradies vor. Es ist die Frontier, die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, in die sie geraten sind, und es heißt ganz bei Null zu beginnen.

Über etliche Jahre erleben wir das Schicksal der Auswanderer, die sich in der Ferne eine neue Heimat schaffen, mit. Im Mittelpunkt stehen dabei die drei Weber Schwestern, die verschiedener nicht sein könnten und von denen jede auf ihre Art versucht, ihren Traum vom Glück gegen alle äußeren Umstände zu verwirklichen.

Das Buch ließ sich flüssig lesen, das Kopfkino ist recht bald angesprungen und die Figuren erwachten zum Leben. Wie erwähnt, kam bei mir die rechte „Rußlandstimmung“ nicht auf, was aber wohl nicht verwunderlich ist, wenn die Figuren das ganze Buch über versuchen, nach ihren deutschen hergebrachten Sitten und Gewohnheiten zu leben, nur eben an der Wolga. Insgesamt habe ich den Roman gerne gelesen und freue mich auf die Fortsetzung „Dunkle Wälder, ferne Sehnsucht“, in dem es um das weitere Schicksal der Auswanderer geht.  

 

Kurzfassung

Ein „Auswandererroman“ der anderen Art oder warum und wie die Wolgadeutschen an die Wolga kamen. Lesenswert.  

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Über die Autorin

Martina Sahler hat nach dem Studium als Lektorin gearbeitet; seit 1990 ist die freischaffende Schriftstellerin. Sie hat viele Bücher veröffentlicht, die in etliche Sprachen übersetzt wurden. Mit ihrer Familie leben sie im Bergischen Land.  

Bibliographische Angaben

557 Seiten, 1 Landkarte , kartoniert.
Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag, München 2013  

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