Er beobachete sie, und er dachte an seine letzten paar Monate. Als er darüber nachdachte, verstand er: ich wollte nicht sterben, ich wollte einfach nicht leben. (S. 44)
Zum Inhalt
Artie Dam denkt, alles über sein Leben zu wissen. Doch dann erfährt er ein Geheimnis, das alles auf den Kopf stellt und seine ganze Umgebung in völlig verändertem Licht erscheinen läßt. Wie geht man mit einer solchen Erkenntnis um? Verändert sich das Leben von einem Tag auf den anderen, oder lebt man so weiter, wie bisher? Er muß sich entscheiden - und egal, wie er sich entscheidet, sein Leben wird nie mehr so sein wie bisher.
Meine Meinung
Es ist mir nun schon öfters passiert, daß mich ein Buch wörtlich verstanden „sprachlos“ zurückgelassen hat. Oder anders: je mehr mit ein Buch gefallen hat, um so schwerer fällt es mir, meine Gedanken dazu in Worte zu fassen. Zwar schwirren mir dann jede Menge Gedanken durch den Kopf - doch sobald ich diese in Worte kleiden möchte, versagt das Gehirn. Je emotionaler ich auf ein Buch reagiere, um so schwerer bis nahezu unmöglich wird es, Emotionen wie Gedanken „zu Papier“ zu bringen.
Bei diesem Buch, das mich einerseits überrascht und andererseits tief bewegt hat, fällt es mir nun besonders schwer.
Es ist mein erstes Buch dieser Autorin und ich habe mich schon beim Lesen immer wieder gefragt, wie es denn möglich ist, mit einem Schreibstil, den ich eher als nüchtern denn als ausladend beschreiben würde, mit der Erzählung eines normalen, mehr oder weniger gewöhnlichen Lebens (falls es so etwas heute überhaupt noch gibt) so tief in Lebensinhalte vorzudringen, so treffende Analysen der heutigen Zeit zu geben, daß daraus die Schilderung eines menschlichen Schicksals entsteht, das vielleicht nicht aus der Masse herausragt, aber gerade in seiner „Gewöhnlichkeit“ mehr emotional mitnimmt, als man es zu Beginn vermuten würde. Zumindest erging es mir so.
Artie Dam lebt ein mehr oder weniger normales Leben, meint er jedenfalls. Und doch kommt er an einen Punkt, an dem er dieses Leben beenden will. Zumindest denkt er darüber nach. Doch als er durch einen Unfall in die Nähe des Todes kommt, ändert sich seine Einstellung. Sterben wollte er denn anscheinend doch nicht. So beginnt er mehr und mehr über sein Leben nachzudenken - bis zu jenem Tag, an dem dieses durch die Aufdeckung eines Geheimnisses völlig auf den Kopf gestellt wird. Doch wie damit umgehen? Tut man kund, das Geheimnis zu kennen, und riskiert damit „Schockwellen“ im privaten Umfeld, oder behält man seine Kenntnis für sich, und versucht, „normal“ weiter zu leben. Doch was ist schon „normal“ in so einer Situation?
Ich habe mich mehr als ein Mal gefragt, wie ich selbst wohl auf so eine Entwicklung reagieren würde - ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Vermutlich war die Entscheidung, die Artie getroffen hat, in seiner Situation die einzig richtige. Aber wer weiß das schon?
Ein weiteres Thema ist die zweite Amtszeit von Donald Trump und die Auswirkungen, die schon der vorauseilende Gehorsam auf das Leben, die Menschen und ihr Verhältnis untereinander hat. Selbiges wurde auf erschreckend realistische Weise beschrieben; und ich will nicht daran denken, was uns blüht, sollte es hier in Deutschland ähnliche Entwicklungen geben. Anzeichen gibt es ja.
Die Entwicklung der Geschichte hat die Autorin schon im Buch angekündigt; ich war allerdings nicht unbedingt darauf gefaßt, mit welcher Konsequenz sie diese beschreibt. Bis hin zu dem - so empfand ich es jedenfalls - hochdramatischen und emotionalen Finale.
Am Ende war ich, wie gesagt, zwar voll von schwirrenden Gedanken, aber erst jetzt, nach mehreren Tagen, konnte ich zumindest einige davon „zu Papier“ bringen. Die Hauptfigur Artie Dam wird mir sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben. Und seine Grundeinsicht nicht minder. Ein beeindruckendes Buch.
Zu leben war eine private Angelegenheit. Das verstand er nun.**
Mein Fazit
Ein Buch über Grundfragen des Lebens und die Frage, weshalb wir so wenig voneinander wissen - und überhaupt wissen wollen. Ein beeindruckendes Buch, das lange nachhallt.
Über die Autorin
Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Nach ihrem Studium von Englisch und Jura begann sie mit dem Schreiben. Sie ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt in Maine und New York. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und erhielt für den Roman „Mit Blick aufs Meer“ den Pulitzerpeis.
Originaltexte und Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe
* = He watched her, and he thought of his last few months. As he thought about this, he understood: I did not want to die, I just did not want to live. (S. 44)
** = It was a private thing, to be alive. He understood this now. (S. 180)
202 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Verlag: Penguin Viking, London 2026; ISBN 978-0-241-81430-7
Für Februar 2027 ist eine deutsche Ausgabe angekündigt:
Elizabeth Strout - Die Dinge, die wir nicht sagen
288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth
Luchterhand Literaturverlag, München 2027; ISBN 978-3-630-87864-5
