Vielleicht ist das das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann: ihm die Freiheit zu lassen, seinen eigenen Weg zu gehen. (Seite 324/325)

Cover: Ich bin HerodiasZum Inhalt

Herodias kommt im Evangelium nicht sehr gut weg. Zeit also, daß sie die Geschehnisse jener Tage aus ihrer Sicht erzählt. Und so werden die allseits bekannten Ereignisse aus jenen Tagen aus einem anderen Blickwinkel berichtet. Dabei werden aus Menschen, von denen man vielleicht nur den Namen kennt, lebendig und wir erhalten eine bildgewaltige Schilderung jener unruhigen Jahre der Zeitenwende, die die Welt für immer verändern sollten. Vieles ist geläufig, manches wird in ganz anderem Licht erzählt. Eine Einladung, sich aus neuer und anderer Perspektive mit bekannten Personen und Geschichten zu befassen.
Ein fesselnder Roman, der Vergangenheit lebendig werden lässt.“ (Aufbau-Verlag)

 

 

 

Meine Meinung

Herodias - das ist doch die, auf Grund deren Wunsch Johannes der Täufer geköpft wurde, also zählt sie zu den „Bösen“. Ganz einfach. Punkt.

Doch ist das wirklich so einfach?

Die Inhaltsangabe des Verlages hat meine Aufmerksamkeit geweckt und nach einigem Grummeln (u. a. auch, weil ich keine eBooks mag) überwog das Leseinteresse meine Skepsis und ich habe das Buch gelesen. Um es gleich vorweg zu nehmen: diesen Entschluß habe ich nicht bereut. Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was im Verlauf der Handlung auftaucht, so hat mir das Buch doch einen guten Einblick in die Umstände zur Zeit Jesu gebracht. Die Autorin hat eine in sich schlüssige Geschichte erzählt, dargelegt unter welchen gesellschaftlichen Einschränkungen und politischen Zwängen die beteiligten Personen damals standen und entsprechend handeln mußten.

Kurz: das Buch bietet eine Version, wie es möglicherweise gewesen sein könnte, auch wenn ich persönlich der Meinung bin, daß manches anders war, als im Roman dargestellt. Womit ich gleich die Anmerkung verbinde, daß das Buch für „streng gläubige Christen“ eher nicht geeignet ist, weil doch Etliches anders, als in den Evangelien berichtet, erzählt wird. Eine gewisse Offenheit ist also angebracht* - man muß jedoch nicht allem, was zu lesen ist zustimmen, denn das Geschriebene ist eine von mindestens zwei Möglichkeiten, wie es damals wirklich war: zum Einen wie hier im Buch beschrieben und zum Anderen, wie es wörtlich im Neuen Testament steht. Aus diesen zwei Möglichkeiten ergibt sich ein Spannungsfeld, in dem irgendwo die historische Wahrheit verborgen ist, auch wenn wir die heute nicht mehr bis zum letzten Jota verifizieren können.

Was man aber durchaus kann ist, darüber nachzudenken, innezuhalten, sich auf die Erzählung und das Spannungsfeld zur traditionellen Überlieferung einzulassen und dies zum Anlaß zu nehmen, sich - vielleicht erstmals, vielleicht erneut - tiefer mit den Geschehnissen um Johannes den Täufer, Jesus von Nazareth und die Menschen in deren Umkreis zu beschäftigen. So werden aus bloßen Namen, die teils noch negativ konnotiert sind, Menschen aus Fleisch und Blut, die einstens gelebt haben und sich mit den Widrigkeiten ihrer Zeit und den Ansprüchen, die Gesellschaft, Tradition und das Römische Reich an sie gestellt haben, auseinandersetzen mußten. Wobei es nur allzuoft vorkam, daß zwei - oder gleich alle drei - der genannten Umstände miteinander in Konflikt gerieten. Ein Konflikt, der sich nicht immer „richtig“ oder „falsch“ lösen ließ und egal, wie man entschied, am Ende doch irgendwie „falsch“ war.

Unter diesem Gesichtspunkt kommt dem Buch das Verdienst zu, genau dies geleistet zu haben: eine allseits bekannte Geschichte, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, neu und anders zu erzählen, die Problematik hinter „einfachen Entscheidungen“ nachvollziehbar zu machen und vor allem aus bloßen Namen die Menschen und Fleisch und Blut lebendig und sichtbar gemacht zu haben.

Was mir besonders gefallen hat ist, daß sich die Autorin, soweit historische Fakten bekannt sind, an selbige gehalten hat. Sei es die Charakterisierung des Pontius Pilatus, die mir so auch anderweitig (in Sachbüchern) so begegnet ist, sei es die Beschreibung der Passion Jesu, die in manchen Details von der landläufigen Überlieferung abweicht, in realiter aber im Großen und Ganzen so, wie hier im Buch beschrieben abgelaufen ist.

Die ganze Geschichte wird, wie der Buchtitel nahe legt, aus Sicht der Herodias erzählt, was ihr nochmals eine andere Sichtweise als die althergebrachte verleiht. Ich stimme, wie erwähnt, nicht mit allem überein, was hier erzählt wird. Aber das Buch bietet einen guten Anstoß, über das, was sich in jener Zeit begab, als Augustus Kaiser war, neu und auch vertieft nachzudenken.

Vielleicht ist das das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann: ihm die Freiheit zu lassen, seinen eigenen Weg zu gehen. (Seite 324/325) Unabhängig von der hier erzählten Geschichte, unabhängig davon, ob man allem zustimmt oder nicht, bringt dieser zitierte Satz es auf den Punkt: Jesus von Nazareth ging seinen Weg - und hat damit die Welt für alle Zeit verändert.

 

Mein Fazit

Auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme, bietet das Buch eine in sich stimmige Darstellung (ein „so könnte es vielleicht auch gewesen sein“), die mich sicherlich noch einige Zeit beschäftigen und zum Nachdenken anregen wird.

 

* = Aber diese „Offenheit“ ist eigentlich nicht neu. Vor rund fünfzig Jahren ging mein damaliger Religionslehrer davon aus - und er war fest davon überzeugt - daß Jesus verheiratet war, da ein unverheirateter Rabbi keinerlei Autorität besessen hätte - man hätte weder auf ihn gehört noch ihn ernst gehommen. Der Religionslehrer war im Hauptberuf übrigens katholischer Priester.

 

Über die Autorin

Diana Remus ist das Pseudonym der beiden Autorinnen Karin Seemayer und Nicole Wellemin.

Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

EBook, ca. 377 Seiten, Personenverzeichnis, Nachwort
Verlag: Aufbau Digital 2025; ISBN 978-3-84123-588-6
Seitenzahlen beziehen sich auf die auf meinem Lesegerät angezeigten Seitenzahlen