Alle glücklich gedeihenden Spezies gleichen einander. Jede dem Untergang geweihte Spezies stirbt auf ihre eigene Weise aus. Seite 209
Henry Gee erzählt in diesem Buch die gesamte Geschichte des Lebens auf der Erde - von den ersten Anfängen „kurz“ nach Entstehung der Erde bis hin zu seinem endgültigen Verschwinden in ferner Zukunft.
Auch wenn das Buch in der Tat „sehr kurz“ ist, gibt er einen wirklich umfassenden Blick auf die Thematik. Dabei wird deutlich, daß das Leben im Laufe der Erdgeschichte mehrfach durch Katastrophen kurz vor der Auslöschung stand - und dennoch überlebt hat. Denn bisher fand das Leben immer einen Weg und eine Möglichkeit zu überleben.
Meine Meinung
„Alles was ist - endet.“* Diese Weissagung ging mir durch den Kopf, als ich die letzte Zeile des Buches gelesen hatte, denn „Noch dreht sich unsere Erde, und das Leben dauert an.“ (S. 241) Doch wie lange noch? Und was dann? Obwohl - was dann kommt, braucht uns nicht mehr zu interessieren, denn dann wird es keine Menschen - und kein Leben überhaupt - mehr auf der Erde geben. Das einzig Beruhigende daran ist, daß keine der lebenden Generationen dies erleben wird, und es werden noch etliche Generationen kommen und gehen, bis dieser Fall eintritt.
Aber vor dem Ende kommt der Anfang - und genau da setzt diese wirklich sehr kurze Geschichte des Lebens ein, sogar noch vor dem Moment, da der Geist Gottes über den Wassern schweben konnte - Gee beginnt mit dem Tod eines Sternes, aus dessen Überresten einige Millionen Jahre später ein neuer Stern entsteht. Wir nennen den Sonne. Und wieder vergehen Millionen Jahre, bis dieser Stern von einem Steinhaufen umkreist wird, den wir als „Erde“ bezeichnen. Tot und wüst war alles, bis sich in einer „Ursuppe“ etwas veränderte. Irgendwann, und zwar recht bald nach der Bildung der Erde (genauer „nur“ rund hundert Millionen Jahre danach) begannen sich einzelne Teilchen von anderen abzuschließen und sich zusammenzutun, um sich gegen die herrschenden Elemente zu behaupten. Aus „unbelebt“ wurde „belebt“.
Damit bin ich schon bei meinem wirklich einzigen Kritikpunkt: es kommt immer wieder im Buch vor, daß einzelne Arten „plötzlich da“ sind, ohne daß der genaue Übergang von einer zur anderen Lebensform näher beschrieben wurde. Aber da habe ich vielleicht zu viel erwartet, schließlich war nicht mal ein Reporter der BILD-Zeitung dabei, um alles aufzuschreiben und zu berichten. ;-)
Obwohl es sich um eine wirklich sehr kurze Geschichte (231 Seiten, der Rest ist Anhang, obwohl auch die zahlreichen Anmerkungen sehr viele zusätzliche Informationen bieten und somit eigentlich auch zum Inhalt zählen sollten) des Lebens vom Anfang bis zum Ende handelt, hatte ich wirklich das Gefühl, daß der Autor alles, aber wirklich alles, zu diesem Thema geschrieben hat, was es dazu zu schreiben gibt, um mir als Laien darzulegen, wo das Leben her kommt und wo es hin geht.
Übrigens braucht niemand Angst zu haben, dem Inhalt nicht folgen zu können. Ich habe selten ein Wissenschaftssachbuch gelesen, das so gut verständlich, dabei inhaltlich genau, und flüssig lesbar geschrieben ist wie dieses. Natürlich liest sich das nicht so einfach nebenbei, man muß schon bei der Sache sein. Aber das wird vom Autor leicht gemacht und mit der einen oder anderen humorvollen Bemerkung aufgelockert.
Als er an der Stelle an kam, da die Entwicklung des Menschen so richtig beginnt (vgl. S. 164 und 174), mußte ich unwillkürlich an ein Buch denken, das ich vor über zwanzig Jahren gelesen habe: „Syndrom X oder Ein Mammut auf den Teller!“ von Nicolai Worm. Hier wie dort wurde das selbe über die Entwicklung des Gehirns geschrieben: diese setzte ein, als der Mensch begann, Fleisch zu essen. Dieses ist leichter verdaulich als „Grünzeug“, so daß die Entwickung eines enorme Energiemengen verbrauchenden Gehirns überhaupt erst möglich wurde. Wobei der Anfang des Fleischkonsums bei beiden sehr ähnlich geschildert wird und nicht sehr ... appetitlich ist (aus heutiger Sicht gesehen). Aber das Ergebnis spricht für sich (oder, wenn ich mir die Weltgeschichte so ansehe, auch nicht).
Gee spannt einen weiten Bogen von den Anfängen - bis hin zum Ende allen Lebens auf der Erde. Auch wenn im ganzen Buch kein einziger religiöser Bezug ist, kam mir unwillkürlich in den Sinn, daß davon sogar in der Bibel die Rede ist: das Jüngste Gericht, mit dem das menschliche Leben auf der Erde endet. Nun, folgt man den Ausführungen Gees, nicht nur das menschliche Leben, sondern alles Leben überhaupt (spätestens wenn die Sonne ans Ende ihrer Lebenszeit kommt). Doch bevor alles Leben erlischt, wird es seit Millionen und Abermillionen von Jahren keine Menschen mehr geben. Denn schon heute ist unser Aussterben unausweichlich. Von den vielen Menschenarten, die es auf dieser Erde in Laufe der Zeit gegeben hat, ist nur noch eine am Leben - der Homo Sapiens. Alle anderen sind bereits ausgestorben, und auch wir können diesem Schicksal nicht entgehen.
Dieses letzte Kapitel ist von geradezu brutaler Ehrlichkeit, gleichzeitig auch von tiefer Nachdenklichkeit gekennzeichnet und hat mich in einer eher melancholischen Stimmung zurückgelassen.
Vielleicht schon in ein paar Tausend Jahren wird es keine Spuren mehr davon geben, daß dieser Planet einst von einer Art, die sich selbst „Mensch“ nannte und sich als erste und einzige sowohl sich selbst als auch ihrer Stellung im Universum bewußt wurde, bewohnt wurde. Die heute ach so sehr im Zentrum aller Aufmerksamkeit stehende Klimaerwärmung wird dann überhaupt nicht mehr nachweisbar sein, so wenig bis keine Spuren wird sie hinterlassen. (Übrigens hat sich am Ende der letzten Kaltzeit, so vor etwa 10.000 Jahren, das Klima innerhalb eines Menschenlebens von „subarktsich zu gemäßigt“ geändert - ganz ohne Industrie oder ähnliche menschliche Tätigkeiten, rein bedingt durch irdische und kosmische Einflüsse, vgl. u. a. S. 173.)
Und so wird sich einstens unaufhaltsam die dunkle Prophezeiung der Urmutter Erda erfüllen. Nutzen wir also die Zeit, so lange wir das noch können. „Höre! Höre! Höre! / Alles was ist endet.“*
Mein Fazit
In überaus gut lesbarer und verständlicher Form, gepaart mit einer Brise Humor, beschreibt der Autor das Leben auf der Erde von den ersten Anfängen bis hin zu seiner endgültigen Auslöschung. Absolut empfehlens- und lesenswert! Ein Highlight im Sachbuchbereich, wie man es nur selten findet.
* = So spricht Erda aus: Richard Wagner „Der Ring des Nibelungen - Das Rheingold“, 4. Bild
Über den Autor
Henry Gee wurde 1962 geboren und ist ein britischer Paläontologe und Evolutionsbiologe. Er hat an der University of California gelehrt und ist seit über dreißig Jahren Senior Editor der Zeitschrift „Nature“. Gee hat zahlreiche Zeitschriftenartikel und Bücher veröffentlicht. Für dieses Buch erhielt er 2022 den Buchpreis des Jahres der Royal Society.
Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe
304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: A (Very) Short History of Life on Earth. Aus dem Englischen von Alexander Weber
Verlag: Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg, 2. Auflage 2022; ISBN 978-3-455-01221-7
