Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Wunder, zumindest wenn man den häufigen Aussagen in einschlägigen Filmen Glauben schenkt. Und in der Tat - die Wunder geschehen dann auch. Aber im wirklichen Leben? Wo bleiben da die Wunder? Alles nur Wunschdenken?

Manche Weihnachtswünsche können einfach nicht erfüllt werden, egal wie festlich die Lichter leuchten oder wie schön der Weihnachtsbaum ist.“* Diese Bemerkung fällt in den ersten Minuten des Weihnachtsfilmes „My Grown-Up Christmas List (Meine erwachsene Weihnachtswunschliste)“, und er wird mit derart melancholisch-traurigem Unterton gesprochen, daß man weiß: dieser Satz ist wahr. Aber wenn schon im Film nicht alle Wünsche erfüllt werden können, wie dann im „wirklichen Leben“?

„Manche Weihnachtswünsche können einfach nicht erfüllt werden…“

Bevor man nun alle Hoffnung aufgibt, sollte man den Blick auf das erste Wort „manche“ richten. Zu den unerfüllbaren Wünschen gehört, gerade in der heutigen Zeit, der nach dem Frieden in der Welt. Wenn man sich so umsieht: auf jeden Fall unerfüllbar. Egal wie viel Schnee an Weihnachten fällt (oder auch nicht fällt), wie sehr man bittet, betet oder sich wünscht. Selbst bei Lukas heißt es „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2.21, Einheitsübersetzung 2017). Schon damals gab es also eine Einschränkung.

Bleiben die etwas kleineren Wünsche.

„Manche Weihnachtswünsche können einfach nicht erfüllt werden…“

Wie war das eigentlich früher mit den Weihnachtswünschen? Jahre, vielleicht Jahrzehnte ist es her, da waren sie überschaubar, paßten auf ein Blatt Papier, „Wunschzettel“ genannt, der auf recht seltsamen Wegen, so wurde es einem jedenfalls gesagt, den Weg zum Nordpol fand, wo der Weihnachtsmann wohnen sollte, der diese Wünsche dann erfüllen konnte. So sehr man auch wissen wollte, wie denn ein solcher Brief an den dorthin gelangen konnte, ist es doch nie gelungen, hinter dieses Geheimnis zu kommen. Abends draußen auf das Fensterbrett gelegt, war der Zettel am nächsten Morgen auf wundersame Weise verschwunden. Nun denn. Aber schon damals wurden nicht alle Wünsche erfüllt, auch wenn sie jedes Jahr aufs Neue auf dem Wunschzettel Platz fanden. Vielleicht waren es zu viele Wünsche, der Schlitten war voll, sie paßten nicht mehr in den Sack hinein oder was es da noch für Gründe gegeben haben mochte.

Und so vergingen die Jahre, die Magie verblaßte, die Wünsche änderten sich, wurden „erwachsener“, rationaler, erfüllbarer. Meistens jedenfalls. Wirklich meistens?

Manche Weihnachtswünsche können einfach nicht erfüllt werden.

Im Liedtext „My Grown-Up Christmas List“** gibt es so eine Liste nicht erfüllbarer Wünsche. Na ja, sie könnten schön erfüllt werden, wäre die Welt eine andere als sie nunmal ist. Keine neuen Kriege, jeder sollte einen Freund haben, das Gute gewinnt immer. Wunschdenken halt.

Aber es gibt noch eine andere Art von Wünschen, die sich nicht erfüllen lassen.

Weihnachten ist ursprünglich das Fest der Geburt des Herrn. Wenn ein Kind geboren wird, entsteht eine Familie (im traditionellen Sinne gesehen). Nicht zuletzt deshalb hat sich Weihnachten als ein - oder auch dem - Fest der Familie entwickelt. Aber auf eine Geburt folgt, so sicher wie das Amen in der Kirche, unweigerlich ein Tod. Wenn sich die Familie früher versammelte, konnte durchaus eine stattliche Anzahl an Personen, klein wie groß, zusammen kommen. Man feierte, war fröhlich oder auch besinnlich, und wie immer gab es mindestens ein Mal Streit, mehr oder weniger heftig, bis sich spätestens beim „Stille Nacht, Heilige Nacht…“ alle wieder vertrugen und einträchtig beieinander waren. Vielleicht sind die Erinnerungen im Rückblick verklärt, auf jeden Fall sind es gute Erinnerungen.

Doch die Jahre vergingen, die Zeiten änderten sich, man selbst änderte sich, und die gemeinsamen Weihnachten auch. Neue Menschen kamen hinzu, aber seltsamerweise erweiterte sich der Kreis nicht auf Dauer. Im Gegenteil. Immer wieder blieb ein Stuhl leer, ein Platz frei, entstand eine Lücke, die nie mehr verschwinden würde. Die Reihen „drüben“ füllen sich.

„Manche Weihnachtswünsche können einfach nicht erfüllt werden, egal wie festlich die Lichter leuchten oder wie schön der Weihnachtsbaum ist.“*

So treffen an Weihnachten gegensätzliche Themen aufeinander: Freud und Leid, Geburt und Tod, Zeit und Ewigkeit. Ob diese Tage und Wochen darum so enorm emotional aufgeladen sind? Oder schon immer waren? Mir fallen da die Weihnachtskonzerte von Meistern wie Arcangelo Corelli, Giuseppe Torelli oder auch Pietro Locatelli ein, die all das zu beinhalten scheinen. Was bleibt also? Wenn auch nicht alle Weihnachtswünsche erfüllbar sind, sollte man sich auf das Wesentliche besinnen: Weihnachten geht es nicht um Dinge, es geht um Menschen, es geht um Gefühle. Und um die Zeit, die wir miteinander verbringen. Denn so sehr man sich das wünschen mag, verpaßte Zeit miteinander ist durch nichts mehr zurückzubringen.

Und so sollte man sich den Weihnachtswunsch, Zeit miteinander zu verbringen, sich Zeit mit anderen zu schenken, erfüllen, solange man es noch kann. Denn wie schon Santa einmal sagte: „Die besten Geschenke haben keine Schleifen.“*

 

 

* Originaltext im Film „My Grown-Up Christmas List“
„Some christmas wishes just can‘t be granted, no matter how bright the lights or how beautiful the tree.“ (Stelle: ca. 2'40“)
„The best gifts don’t have bows.“ (Mehrfach im Film)
** = „My Grown-Up Christmas List“ von David Foster/Linda Thompson-Jenner