Wenn es einer Art gelingt, alle Konkurrenten auszuschalten, kann es für sie nur noch eine Richtung geben, nämlich bergab. (Seite 91)

Cover: Aufstieg und Fall der MenschenZum Inhalt

In seinem Buch „Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens“ schrieb er zwar auch darüber, daß die Menschheit eines Tages aussterben wird, blieb bei einer Zeitangabe dazu jedoch mehr als vage. Das ist in diesem Buch anders: hier diskutiert er in aller Ausführlichkeit, weshalb die Menschheit zum Aussterben verdammt ist - und wann es (voraussichtlich) so weit sein wird. Nicht ohne einen Hoffnungsschimmer, wie sich dieses anscheinend unabwendbare Schicksal doch noch abwenden ließe.

 

 

 

 

Meine Meinung

„Die Hochs und Tiefs (und vor allem die Tiefs) der Weltbevölkerung bilden einen erschreckenden Lesestoff, und das bereits, bevor man über die ökonomischen Konsequenzen nachdenkt.“ (S. 138) Es ist also klar, daß dieses Buch nicht unbedingt zur „Wohlfühlliteratur“ unter den Sachbüchern zählt. An einer Stelle meint der Autor sogar, es sei ein eher deprimierender Stoff, den er hier darbiete. Aber das ergibt sich eigentlich schon sowohl aus dem Titel als auch dem Untertitel dieses Buches. Ich war also darauf gefaßt, daß es nicht unbedingt eine lustige Lektüre werden würde. Was allerdings nicht bedeutet, daß es „unlustig“ zu lesen sei.

Schwierig zu lesen ist es allerdings auch nicht. Der Autor hat ein überaus großes Talent, auch komplizierte wissenschaftliche Sachverhalte verständlich und gut lesbar darzustellen. Zwischendurch lockert er das Buch durch die eine oder andere humorvolle Bemerkung auf, so daß ich immer Mal wieder grinsen mußte.

In seinem Buch „Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens“ ging Gee schon kurz auf das Aussterben des Homo sapiens ein, ohne sich auf einen Zeitpunkt dafür festzulegen. Dies geschieht nun hier in diesem Buch, und er begründet seine Meinung recht ausführlich und nachvollziehbar. Denn keine andere Homininenart, die je auf der Erde gelebt hat, hat den Planeten dermaßen verändert und sich auf dem ganzen Planeten ausgebreitet wie Homo sapiens. Mehr oder weniger rücksichtslos wurde im Laufe der Jahrtausende alles aus dem Wege geräumt (oder gleich ausgerottet), was ihn in seiner Entwicklung oder Verbreitung behinderte. Von anderen Homininen bis hin zu Tierarten.

In drei Hauptabschnitten (Aufstieg / Fall / Ausweg) legt der Autor seine Argumentation dar. Ein Wendepunkt in der Geschichte (und damit quasi der Beginn des Falls) war die Entwicklung der Landwirtschaft. Diese wurde zwar notwendig, da die Menschheit inzwischen eine Größe erreicht hatte, daß nicht mehr alle vom Jagen und Sammeln leben konnten, führte aber dazu, daß man sich auf sehr wenige Kulturplanzen beschränkte. Was bei Mißernten sehr schnell zu Problemen führte (und führt - oder man denke an den Ausfall der „Kornkammer Ukraine“ durch den russischen Angriffskrieg). Auch begann man, in größeren Siedlungen zu leben, was Infektionskrankheiten und Parasiten begünstigte.

Schließlich äußert Gee (S. 173ff) seine begründete Meinung, weshalb die Menschheit unausweichlich, zum Teil selbst verschuldet, aussterben wird.

Der letzte Abschnitt, in dem er der Menschheit einen Ausweg aus diesem Schicksal (oder zumindest eine deutliche Verlängerung der Lebensspanne unserer Art) weist, liest sich dann schon fast wie Science Fiction: indem man in den Weltraum „umzieht“. Er erläutert die Grundlagen, die dafür notwendig wären und gibt auch eine Zeitspanne vor, in welcher die Entscheidungen getroffen werden müssen, soll das von Erfolg gekrönt sein; diese ist mit zweihundert Jahren sehr kurz bemessen. Denn nach allen Voraussagen wird um das Jahr 2.100 die Menschheit personenmäßig ihren Höchsstand erreichen - und dann sehr schnell abnehmen (er gibt im Buch die Begründung dafür). Das heißt, Kinder, die heute geboren werden, können diesen dramatischen Wendepunkt erleben - ein seltsamer Gedanke.

Wie man allerdings eine solche Entscheidung für die ganze Menschhheit, selbst wenn es um das nackte Überleben der ganzen Art geht, treffen sollte, weiß ich nicht. Wenn ich mich derzeit in der Welt so umsehe, sehe ich in dieser Hinsicht rabenschwarz. „Wenn die Menschheit ihre langfristige Zukunft ernst nimmt, muss sie jetzt anfangen.“ (S. 255, Schlußsatz) Ich fürchte allerdings, daß eher der Satz auf Seite 173 die Wirklichkeit besser beschreibt: „(...) und ich riskiere die Vorhersage - mit einem netten „Tschüss, Homo sapiens -, dass unsere Spezies innerhalb der nächsten XXX Jahre oder so von der Erde abtreten wird.“*

 

Mein Fazit

In gewohnt verständlicher Sprache diskutiert der Autor die Gründe und den Verlauf des Aussterbens von Homo sapiens - mit einem Ausblick, wie dieses Schicksal abzuwenden wäre. Völlig zurecht nominiert für das Wissenschaftsbuch des Jahres 2026.

 

Über den Autor

Henry Gee wurde 1962 geboren und ist ein britischer Paläontologe und Evolutionsbiologe. Er hat an der University of California gelehrt und ist seit über dreißig Jahren Senior Editor der Zeitschrift „Nature“. Gee hat zahlreiche Zeitschriftenartikel und Bücher veröffentlicht. Für das Buch „Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens“ erhielt er 2022 den Buchpreis des Jahres der Royal Society.

Anmerkungen

* = Im Buch steht da eine genauere Jahreszahl.

Übrigens empfiehlt der Autor dringend die Lektüre der Studie von Murray und Kollegen: „Fertility, mortality, migration, and population scenarios for 195 countries and territories from 2017 to 2100: a forecasting analysis for the Global Burden of Disease Study“, die im Internet in voller Länge veröffentlicht ist (in englischer Sprache, dafür hier klicken).

Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

286 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: The Decline and Fall of the Human Empire. Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Coralie Wink
Verlag: Rowohlt Verlag, Hamburg 2025; ISBN-13: 978-3-498-00773-7

 

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