Wir sind das Produkt einer langen Abstammungslinie, die ihr existentielles Unbehagen dadurch gelindert hat, dass sie sich ausmalte, wir würden Spuren hinterlassen. (Seite 29)

 

Cover: Bis zum Ende der Zeit


Zum Inhalt
(Verlagsangabe / Buchrücken)

Ein neuer Blick auf den Anfang und das Ende unseres Universums. Der weltbekannte Physiker Brian Greene schreibt die Geschichte des Universums, vom Urknall bis zu seinem Ende. Und die Geschichte des Menschen in diesem Universum. Er zeigt, wie sich in einem fast unendlichen Meer von Chaos und Unordnung Leben und Bewusstsein entwickeln konnten. Es ist eine Reise zu wandernden Planeten und wirbelnden Galaxien - und zugleich eine wunderbare Erzählung über das Streben des Menschen nach Sinn im Angesicht der Vergänglichkeit.

 

 

 

Meine Meinung

Lange habe ich überlegt, wie ich eine Rezension zu diesem Buch beginnen soll. Schließlich kam mir dieser Satz in den Sinn: das ist das seltsamste (Sach-)Buch, das ich je gelesen habe. Ich bin mir nach dem Lesen noch nicht sicher, ob es nicht besser gewesen wäre, es nicht zu lesen. Denn wenn das, was der Autor beschreibt, tatsächlich die Realität ist, will ich sie eigentlich gar nicht so genau kennen lernen. Doch der Reihe nach.

Aufgefallen ist mir das Buch vor allem auch durch den Untertitel „Der Mensch, das Universum und unsere Suche nach dem Sinn des Lebens“. Es schien mir eine gute Ergänzung, wenn nicht gar Fortführung, zu bisher gelesenen Büchern zu sein. Doch auf was hatte ich mich da eingelassen?

Greene schreibt in seinem Buch vom Anfang (dem Urknall) bis zum (voraussichtlichen / möglichen) Ende des uns bekannten Universums. Und vieler anderer uns unbekannter Universen. Dabei kommt er im laufenden Text - wofür ich ihm sehr dankbar bin - ohne mathematische Formeln aus. Er zählt zu den Wissenschaftlern, die die Sprache so gut beherrschen, daß er auch sehr schwierige Themen verständlich darbieten kann. Wenn es zu sehr abseits des „Normalen“ ist, muß man eine Stelle vielleicht zwei Mal lesen, aber an seinen Sprachkünsten kann kein Zweifel bestehen (wobei hier auch der Übersetzer lobend erwähnt werden sollte, denn das Buch ist in ausgezeichnetem Deutsch verfaßt - heute nicht mehr unbedingt selbstverständlich).

Brian Greene zählt zu den führenden Forschern der String-Theorie; die ist nun zwar nicht Thema dieses Buches, allerdings beschreibt er die physikalischen Vorgänge durchgehend aus Sicht der Teilchenphysik, ausgehend von Atomen und Molekülen sowie den Teilchen, aus welchen diese sich zusammensetzen. Zu Beginn seines Buches (vgl. S. 19f) geht er darauf ein, daß die Menschheit Geschichten liebt und auch braucht. Ausgehend davon will er mit seinen Ausführungen eine „Geschichte des Universums in der Sprache der Physik“ (meine Interpretation) erzählen. Als wichtigste Elemente in dieser Geschichte tauchen immer wieder der 2. Hauptsatz der Thermodynamik sowie die zunehmende Entropie (umgangssprachlich ein „Maß für die Unordnung“) auf. Beides wird vom Autor ausführlich und verständlich dargestellt.

Soweit, so gut. Aber weshalb erschien mir das Buch „seltsam“? Weil es das erste Buch ist, in dem alles - aber wirklich alles - mit dem Wirken und Zusammenwirken der Teilchen, aus denen die Materie besteht, erklärt wird. Den Geist gibt es nicht - er ist eine Funktion der Teilchen in einer bestimmten Anordnung. Alleine durch die schiere Menge einer „Ansammlung von Teilchen“ entsteht der Verstand, der eine schlichte Funktion eben dieser bestimmten Ansammlung ist. Krass ausgedrückt: etwas „geistiges“ existiert nicht, alles ist nichts weiter als Materie in verschiedenen Ausprägungen. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß er geradezu verzweifelt versucht, alles durch die Ansammlung von Teilchen zu erklären, um jegliches geistige leugnen zu können.

Genauso führt er aus, daß es keinen freien Willen gibt, dieser ist nur eine Illusion. Verkürzt: Da alles auf Teilchen beruht, ist deren Position berechenbar. Mit einer ausreichend großen Rechenkapazität (die es allerdings nicht gibt) könnte man also jede Entscheidung eines Menschen vorausberechnen, da diese alleine durch die Gesetze der Physik festgelegt ist. Wenn etwas dadurch festgelegt ist, kann es keine freie Entscheidung geben.

Womit ich bei meiner Bemerkung vom Anfang wäre. Sollte es wirklich so sein, wie der Autor schreibt, hätte ich es nicht wissen wollen. Denn die Welt, die er beschreibt, ist grausam, kalt und in des Wortes Bedeutung sinn-los. Ich mußte an das Buch „Eine neue Geschichte des Lebens“ von Peter Ward und Joe Kirschvink denken, das mich zu diesem Schlußgedanken brachte, der für mich auch hier (und hier sogar noch beser) paßt:

Eine Frage, die sich mir während des Lesens immer dringender gestellt hat (und auf die ich bis dato absolut keine Antwort habe): wenn das Leben wirklich nichts weiter ist, als chemische Reaktionen verschiedener Stoffe und Abläufen auf atomarer und molekularer Ebene, die streng nach den Naturgesetzen ablaufen - wenn es also nur diese rein stoffliche Ebene gibt, wie will man dann so etwas wie eine „Ethik“ begründen? Und vor allem: wozu und warum? Wenn die Natur und die Evolution doch nach ihren Gesetzen ablaufen, wieso die dann durch Ethik (oder Religion) quasi außer Kraft setzen, wenn man am „natürlichen Ablauf der Dinge“ doch nichts ändern kann?

 

Mein Fazit

Das Universum vom Anfang bis zum Ende, erzählt in der Sprache der Physik. Gut lesbar und verständlich, aber in seiner Konzentration auf eine rein materielle Erklärung alles Existierenden (z. B. auch des Verstandes und des Bewußtseins) in mancher Hinsicht „harter Tobak“.

 

Über den Autor (Verlagsangabe)

Brian Greene zählt zu den führenden Physikern auf dem Gebiet der Superstrings. Seit 1990 lehrt er an verschiedenen Universitäten und ist heute Professor für Physik und Mathematik an der Columbia University in New York. Seine Bücher, darunter »Das elegante Universum« (2000), »Der Stoff, aus dem der Kosmos ist« (2004), »Die verborgene Wirklichkeit: Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos« (2012) und »Bis zum Ende der Zeit: Die Geschichte des Kosmos« (2020), sind internationale Bestseller.

Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

445 Seiten, davon ca. 60 Seiten Anmerkungen, Klappenbroschur
Originaltitel: Until the End of Time. Mind, Matter and Our Search for Meaning in an Evolving Universe
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Verlag: Pantheon Verlag, München 2021; ISBN 978-3-570-55452-4

 

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