Auf der langen Fahrt nach Washington sollte ich oft darüber nachdenken, daß die weißen Männer uns nicht nur unser Land geraubt, sondern auch noch unsere Namen gestohlen hatten, um geraubtes Land danach zu benennen. (Seite 388)

Cover: Du folgtest dem Falken, AmayiZum Inhalt

Der Originaltitel gibt einen Hinweis darauf, worum es in diesem Buch geht: um Creek Marys Blut. Allerdings nicht das, welches sie vergoß, sondern das, welches in ihren und ihrer Nachkommen Adern fließt. Es ist die Geschichte einer indianischen Familie ab etwa dem letzten Viertel des 18. bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts. Beginnend in einer Zeit, da die Indianer noch nach althergebrachter Art selbstbestimmt leben konnten bis hin zum Untergang der letzten freien Stämme. Ein Panorama, das daherkommt wie ein Sturmwind, der den Leser in längst vergangene Zeiten mitreißt

 

 

 

Meine Meinung

„Aber manche Dinge lassen sich nicht in Worte fassen.“ (S. 271) So in etwa geht es mir nun, nachdem ich dieses Buch durch und damit vermutlich den (bisher) größten Anwärter auf den Titel des Jahreshighlights 2026 gelesen habe. „Gewaltig wie vom Winde verweht“ wird auf dem Buchrücken die amerikanische Presse zitiert - und das ist sicherlich nicht übertrieben.

Der Roman spannt einen weiten Bogen - angefangen in den letzten Jahrzehnten des 18. bis hin in die ersten des 20. Jahrhunderts. Von der fast grenzenlosen Freiheit bis hin zum fast völligen Untergang. Sicher ist dabei nur eines: Dane, der Erzähler, wird alles und alle bis ins hohe Alter überleben, denn sonst könnte er nicht von den Ereignissen berichten. Was natürlich im Umkehrschluß bedeutet, daß im Laufe der Geschichte zahlreiche der auftretenden Figuren das Leben lassen (müssen). Bei einer Handlung in der der „Trail of Tears“ („Pfad der Tränen“) eine wesentliche Rolle spielt, ist das aber auch nicht anders zu erwarten.

Das Seltsamste an dem Buch ist übrigens der deutsche Titel, und der ist auch noch auf gewisse Weise falsch. Denn eines hat Amayi mit Sicherheit nicht getan: sie ist nicht dem Falken gefolgt. Denn der ist der Unglücksbote - wenn er erscheint, folgen Leid und Tod auf dem Fuße. Der Originaltitel „Creek Mary’s Blood“ ist da wesentlich zutreffender und gibt an, worum es geht: nicht um ihr Blut im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinne. Es ist die Geschichte der Creek Mary und ihrer Nachkommen. Für den Überblick gibt es vorne im Buch eine Stammtafel, die ich während des Lesens immer wieder zurate gezogen habe.

„Der alte Westen, da konnte man was erleben, er steckte voller Zauberei. Manchmal war das, was wirklich schien, durchaus nicht wirklich. Vielleicht war überhaupt alles ein Traum.“ (S. 231) „Wie im Traum“ erschien es mir zeitweise beim Lesen, als Seite um Seite geradezu verschlungen wurde, dem unaufhaltsamen Schicksal und Ende entgegen. Es ist eine Weile her, daß ich einen Roman gelesen habe, der mich auf solche Art gefesselt hat. Dee Brown war ein begnadeter Erzähler, und - das sei hier ausdrücklich erwähnt - der Übersetzer hat hervorragende Arbeit geleistet.

Es ist sicher nicht ganz verkehrt, wenn man Grundkenntnisse der historischen Ereignisse hat - allerdings keine Voraussetzung, da die Geschehnisse teils ausführlich geschildert werden. Durch die Verarbeitung in einem historischen Roman erhält man von vielem eine ganz andere Vorstellung, als wenn man das in einem Geschichtsbuch liest. Dort wird eher abstrakt berichtet, hier als Beteiligter geschildert.

Die eigentliche Erzählung ist in eine Rahmenhandlung eingebettet. Ein Journalist kommt nach Montana, um Dan - den Enkel von Creek Mary - zu interviewen. Dieser, weit über neunzig Jahre alt, erzählt ihm alles - teils vom Hörensagen (soweit es Ereignisse vor seiner Geburt betrifft), vieles jedoch aus eigener Anschauung. Und so erlebt man als Leser in geraffter Form die Tragödie der amerikanischen Indianer mit: vom freien ungezwungenen Leben bis hin zum Einpferchen in Reservate. Indem Brown dies anhand einer Familiengeschichte erzählt, wird der zunehmend eingeschränkte Raum, der den Indianern zum Leben verblieb, deutlich. Man erlebt förmlich mit, wie sie auf immer weniger Fläche mehr und mehr zusammengedrängt wurden. Die Enge wird direkt fühlbar. Obwohl man durch die Art der Erzählung sehr dicht an der Handlung und den Figuren dran ist, blieb immer eine gewisse Distanz gewahrt. Das erschien mir manchmal etwas seltsam, andererseits hilft es, die vielen Schicksalsschläge, die unweigerlich kommen müssen, besser zu ertragen. Aber natürlich gibt es auch emotionale Szenen, in denen mit wenigen treffenden Worten das ganze Leid ausgedrückt wird.

Wenn das Buch dann nach über vierhundertvierzig Seiten still ausklingt, ist er noch einmal da: der harte Gegensatz zwischen „weißer“ und „roter“ Welt, der bis heute nicht aufgehoben ist. Für den Leser mag es eine tröstliche Beruhigung sein, daß Creek Marys „Schlafende Frau“ in den Weiten der Prärie von Zeit zu Zeit noch immer Gestalt annimmt. Selbst wenn das nur eine Lichtspiegelung sein sollte. Es gibt eben doch noch Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht rational erklären kann. Vielleicht ist die „rote Welt“ doch noch nicht ganz verloren.

 

Mein Fazit

Brown spannt in diesem überwältigenden Roman einen weiten Bogen - vom freien traditionellen Leben der amerikanischen Indianer bis hin zu dessen Zerstörung durch die eindringenden weißen Siedler. Eindrücklich schildert er die Geschehnisse jener Jahre, Freud und Leid der Menschen, von der Hoffnungslosigkeit hin zu neuer Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Absolut lesenswert!

 

Über den Autor

Dorris „Dee“ Alexander Brown wurde 1908 in Alberta/Louisiana geboren und hatte schon während seiner Kindheit und Jugend Kontakt zu Indianern. Er hatte einen Master in Bibliothekswirtschaft, arbeitete u. a. als Drucker, Reporter und letztlich als Bibliothekar. Zunächst schrieb er nebenberuflich, nach seiner Pensionierung hauptberuflich. Sein bekanntestes Werk ist „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“, das alleine in den USA auf eine Auflage von über fünf Millionen kommt; die Leser der New York Times wählten es 2001 zu einem der vier einflußreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Brown starb am 12. Dezember 2002 im Alter von 94 Jahren.

Originaltext und Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

446 Seiten, 1 Stammbaum, 1 Landkarte, kartoniert
Originaltitel: Creek Mary’s Blood. Aus dem Amerikanischen von Werner Peterich
Verlag: Knaur TB, München 1984; ISBN-10: 3-426-01166-2; ISBN-13: 978-3-426-01166-9

 

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