Alles Konkrete schien sich hier in dieser endlosen Weite aufzulösen. (Seite 24)
Marisa steckt mitten in einer Lebenskrise. So nimmt sie den Auftrag an, eine Heilerin der Navajo zu interviewen und reist in die USA. Dort angekommen, läuft so gut wie nichts nach Plan. Zudem gerät sie in die Auseinandersetzungen zwischen den Navajos und einer Minengesellchaft, die Uran abbaut. Zu allem Überfluß wird sie von Raven, dem Enkel der Heilerin, nicht gerade freundlich empfangen. Als sie sich bei einem Ausflug verletzt, spitzt sich die Situation zu.
Meine Meinung
Anstatt dauernd nach neuen Büchern Ausschau zu halten, sollte ich vielleicht öfters mal meine vollen Buchregale nach „verborgenen Schätzen“ durchsuchen. Schließlich stehen da eine ganze Menge Bücher drin, die ich irgendwann mal gekauft habe, um sie möglichst bald zu lesen. Aber wie das bei Buchliebhabern so ist - Hauptsache, die Bücher sind erst mal da. Dann kann man sie ja lesen, weil vorhanden. Aber erst ins Regal eingeordnet, geraten sie in Vergessenheit und kommen erst durch einen Zufall wieder zum Vorschein.
So erging es mir dieser Tage mit diesem Buch. Beim Durchsehen alter Unterlagen fiel mir auf einer Rechnung die Position auf und der Titel machte mich stutzig. Das Buch aus dem Regal gezogen, im Untertitel „im Land der Navajo“ gelesen und beschlossen: das wird sofort gelesen.
Nun, ausgelesen, bin ich mir über meine Meinung nicht so ganz sicher. Inhaltlich entsprach es dem, was ich so in etwa erwartet hatte, wenngleich ich die eine oder andere Entwicklung nicht vorhergesehen hatte (was ja eigentlich gut ist). Das „nicht sicher“ bezieht sich vor allem auf die Erzählsprache. Im Klappentext heißt es, die sei der erste Roman der Autorin. Das habe ich beim Lesen gut nachvollziehen können, denn sprachlich hätte man da sicherlich noch dran feilen können. Andererseits ist das vielleicht auch meinen Lesevorlieben geschuldet, denn ich bevorzuge eher längere, verschachtelte Sätze. Hier sind es aber und über weite Strecken kurze Sätze, die bei mir das Gefühl, daß hier im Staccato erzählt wird, erzeugt haben. Zwei, drei Sätze zu einem verbunden, wären die immer noch nicht zu lang gewesen, dafür wäre der Erzählfluß für mein Empfinden deutlich ruhiger und gleichmäßiger gewesen, eher der „Indian Time“ angepaßt. Doch wie gesagt: das könnte meine ganz persönliche Empfindung sein, andere mögen das ganz anders sehen.
Davon abgesehen konnte mich die Handlung durchaus fesseln und interessieren; die meisten „Indianerbücher“, die ich lese, spielen ja in der Vergangenheit; hier einmal eine Geschichte aus der Gegenwart (gut, das Buch ist auch schon zwanzig Jahre alt, aber dennoch), in der die Folgen all dessen, was sich im sog. „Wilden Westen“ ereignet hat, thematisiert werden.
Marisa hat ihren Vater, einen ehemaligen GI, früh verloren, jetzt ist ihre Mutter verstorben, darüber hinaus hat sie ihren bisherigen Job verloren und damit in gewisser Weise den Boden unter den Füßen. So reist sie mit dem Auftrag, eine Navajo-Heilerin für eine Zeitschrift zu interviewen, ins Navajo-Reservat, das sie aus ihrer Kindheit her kennt. Hatte ihr Großvater dort doch einen kleinen Laden gehabt und sie eine zeitlang dort gelebt.
Im Folgenden muß Marisa mit ihrer Vergangenheit abschließen und ein Fundament für die Zukunft finden. Es gelingt ihr, an Kontakte aus ihrer Kindheit anzuknüpfen - aber im Reservat geht es nach „Indian Time“. Hier sind die Traditionen und Anschauungen von früher noch lebendig, alles geschieht zu seiner Zeit, und nicht, wann es ein Terminkalender vorschreibt.
Zudem ist der Kontakt zu Raven, dem Enkel der Heilerin, schwierig. Zwar kennen sie sich von früher - als Kinder haben sie miteinander gespielt. Doch Raven ist nach all dem zwischenzeitlich erfahrenen Leid und dem Tod seiner Eltern, der durch verseuchtes Wasser einer Uranmine verursacht wurde, voll von Haß und Wut auf „die Weißen“. So verläuft das Wiedersehen nicht gerade freundschaftlich.
Um diese zwei Pole bzw. Ausgangssituationen entwickelt sich die Handlung. Marisa muß mit sich selbst und ihren Wünschen ins Reine kommen, Raven muß seine Wut und seinen Haß überwinden, will er der Nachfolger Jonathans, des „Medizinmannes“, werden. Der Weg ist für beide nicht einfach, und es ist über weite Strecken nicht klar, ob das Ziel erreicht wird.
Figuren wie (karge) Landschaft konnte ich mir gut vorstellen; auch die indianischen Gebräuche und Denkweisen waren mir aus zahlreichen anderen Büchern vertraut, so daß ich mich recht bald „heimisch“ fühlte.
Auch wenn der Roman „nur“ knapp zweihundertfünzig Seiten umfaßt, hatte ich doch nie das Gefühl, er sei zu lang oder gar zu kurz. Das Erzähltempo und der Erzählumfang passen genau zu der Geschichte; am Ende ist diese auserzählt. Wenn das Buch dann ruhig und hoffnungsvoll mit dem Satz „Möge der Große Geist uns alle beschützen!“ endet, sollte man den Blick besser nicht gleich in eine aktuelle Zeitung werfen, denn vor allem unter der derzeitigen US-Regierung besteht wenig Hoffnung auf eine Wende zum Besseren. Da hat der Große Geist noch viel zu tun.
Mein Fazit
„Wenn du den ersten Schritt tust, beachte die Richtung. Wenn die Richtung stimmt und du deinem Herzen folgst, findest du heim und erreichst dein Ziel.“ (S. 225) Als „Weg nach Hause“ könnte man die Geschichte auch zusammenfassen und für sich selbst Manches daraus lernen. Für meine Begriffe durchaus lesenswert.
Über die Autorin
Sylvie Winter (auch Sylvie Gayan Winter) wurde 1945 in Teplice-Šanov (Tschechoslowakei) geboren und wuchs in Berchtesgaden auf. In den 60er und 70 Jahren war sie als Model und Schauspielerin tätig. Seit 1985 lebt sie in den USA und beschäftigt sich seither mit indianischer Kultur. Sie ist schriftstellerisch tätig und bietet Selbsthilfeseminare an.
Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe
254 Seiten, Glossar von Fachausdrücken, Gebunden mit Schutzumchlag
Verlag: Allegria (Ullstein Buchverlage GmbH), Berlin 2005
ISBN-10: 3-7934-2009-4; ISBN-13: 978-3-7934-2009-5
